die Verlierer

PLANET PLUTO - DAS WAR GESTERN!

Prag, 24. August 2006

Nach 76 Jahren mit Planetenehren wurde Pluto auf das Niveau eines Kleinplaneten zurückgestuft. So eine der Auswirkungen einer astrophysikalischen Definition, die die Astronomen auf ihrer 26. Generalversammlung der Internationalen Astronomischen Union in Prag am 24. August 2006 beschlossen. Ja, man ging noch weiter. Um die zurückliegenden und die noch zukünftig zu entdeckenden Himmelskörper des Sonnensystems "richtig" einordnen zu können, verabschiedeten sie eine Klassifizierung nach "Planeten - Zwergplaneten - Kleinkörper". Zum Handeln fühlten sich die Astronomen berufen, weil neuere Entdeckungen größerer und kleinerer Himmelskörper aus den vergangenen Jahren nach dem bisherigen Verständnis uns sicherlich bereits den 12. Planeten beschert hätten.

Als Planeten gelten künftig alle Himmelskörper, die a) auf einer kreisnahen Bahn die Sonne umlaufen und b) ausreichend Masse haben, damit die eigene Schwerkraft sie zu annähernd kugelförmiger Gestalt (hydrostatisches Gleichgewicht) zusammenzieht. Außerdem müssen sie ihre Nachbarschaft c) von anderem kosmischen Material frei geräumt haben.

Der Wortlaut der angenommenen Definition findet sich hier.

Die Wege der Planeten - keine Harmonie mehr

Es ist das erste Mal, dass formell festgelegt wurde, was ein Planet ist und was nicht. Bislang gab es dafür keine eindeutigen Kriterien, sondern nur empirische Erkenntnis. Der erste Versuch, Ordnung in die Planeten hineinzubringen, schlug sich in dem Weltbild von vor über 2000 Jahren nieder: die mit bloßem Auge erkennbaren "Wandelsterne" (Planeten) wurden Bereichen (Sphären) um die Erde zugeordnet (geozentrisches Weltbild), und aufgereiht: Mond, Sonne, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn.

Dieses Weltbild hielt sich bis Copernicus vor rund 500 Jahren das heliozentrische Sonnensystem favorisierte, d.h. die Sonne steht im Mittelpunkt und nicht die Erde. Sie und die anderen Planeten drehen sich um die Sonne. Vor rund 400 Jahren veröffentlichte Johannes Kepler, dass die Planetenbahnen nicht kreisförmig, sondern elliptisch sind. Vor rund 320 Jahren entdeckte Newton die Gravitation, der sich auch die Planeten unterwerfen. Vor 225 Jahren entdeckte Herschel den ersten, nur mit Fernrohr sichtbaren Planeten, Uranus. Der Astronom Titus stellte die später als Titus-Bodesche Reihe auf, nach der die systematischen Abstände der Planeten einen noch unbekannten Planeten vermuten ließen - diese Lücke füllte die vor 205 Jahren, 1801, entdeckte Ceres, der erste Asteroid oder Kleinplanet. Neptun wurde 1846 von Galle entdeckt. 1930 fand Clyde Tombaugh den Pluto. Bis dahin wurden die entdeckten Himmelskörper ohne Hinterfragung als Planeten bezeichnet.

Erst die weitere "archäologische" Arbeit der Astronomen, d.h. vordringen in die Tiefen des Sonnensystems durch verbesserte Teleskope und Forschungsmethoden, führten zur Entdeckung neuer Sonnensystemkörper und zum Bedürfnis einer neuen Klassifizierung, um einer "Inflation" der Planeten vorzubeugen. Siehe auch das Editorial von Astrotrotter 11.

Im Strudel der astrophysikalischen Definition

Dieser neuartigen Definition nach sind es also acht statt neun Planeten, nämlich Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun.

Pluto, der kleine Körper aus Stein und Eis, Methan und Kohlendioxyden, ist nun der größte Körper im Kuiper Gürtel, einem breiten Ring von Himmelskörpern, die außerhalb von Neptun existieren. Pluto zählt ab sofort zu den Zwergplaneten. Plutos Durchmesser ist ein Drittel kleiner als der des Erdmonds. Damit geraten aber die bisherigen Erkenntnisse in den Strudel der Definition. Ceres aus dem Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter sowie das Objekt 2003 UB313 jenseits der Plutobahn, das von seinen Entdeckern vorläufig Xena getauft worden war, gehören zur gleichen Gruppe der Kleinplaneten, obwohl sie nichts miteinander zu tun haben.

Unter den Kleinkörpern werden Asteroiden (zu ihnen zählte bisher beispielsweise Ceres, die aber zum Kleinplaneten hochgestuft wurde), Kometen und andere Objekte zusammengefasst, die keine Monde sind und die Sonne umkreisen.

Eigentlich hätten Mars, Jupiter und Neptun ebenfalls ihren Planetenstatus verlieren müssen, denn diese Planeten erfüllen nicht den Punkt c der Definition, der Pluto den Planetenstatus gekostet hat. Im Umlauf der Erde befinden sich rund 10.000 Asteroiden, in dem des Jupiters sogar um die 100.000. Verstehen kann man das nur, wenn die von Steven Soter eingeführte sogenannte planetarische Diskriminante beachtet wird. Sie gibt das Verhältnis der Masse eines Körpers zu der Masse der sonstigen Objekte in seiner Umlaufbahn an, sofern es sich dabei um keine Monde oder resonant umlaufende Himmelskörper handelt. Aufgrund einer planetarischen Diskriminante von 1.700.000 beherrscht die Erde ihre Umlaufbahn mehr als jeder andere Planet unseres Sonnensystems. Ebenfalls sehr dominant sind Venus und Jupiter. Von den acht Planeten besitzt Neptun die kleinste planetarische Diskriminante. Mit 24.000 ist sie aber immer noch deutlich größer als die größte Diskriminante eines Zwergplaneten. Bei Ceres beträgt der Wert 0,33, bei Pluto gar nur 0,077.