Deutschlands Sonnenfinsternis 1999

Von Joe T.

11. August 1999 – größtes Erlebnis oder größter Flop des Jahrhunderts? Für mich ist das irgendwie nicht entschieden.

Seit Beginn meiner Lehrertätigkeit vor 12 Jahren bin ich an dem Thema mehr interessiert, teils als Hobby (Beobachtung) oder teils als Aufgabe, Schülern Astronomie näher zu bringen. Ich habe jede Chance einer Finsternis genutzt (meist ja Mondfinsternisse) und mit Schülern in der Öffentlichkeit, d. h. für alle Interessierten die Ereignisse wahrgenommen. Egal, ob gleich nach Einbruch der Dunkelheit (´96) oder in den noch dunklen Morgenstunden (´97), der rote verfinsterte Mond wirkte auf alle. Auch bei den partiellen Sonnenfinsternissen, das Interesse sonst Uninteressierter tat gut. Und nun sollte mal ganz persönlich eine totale Sonnenfinsternis mein Toperlebnis werden.

Die Vorbereitungen dazu begannen schon im Oktober 1998 durch Aussuchen des Personenkreises – mit wem wird beobachtet und damit Festlegen des Ortes – nördlich von München, ein kleiner Ort namens Kollbach, 11° 29‘ 12“ östliche Länge, 48 ° 23‘ 28“ nördliche Breite, 490 m ü. NN.

Verlauf SoFi 1999

Die Totalitätszone über Süddeutschland 1999 (Berechnung von H. Stenger)

Lageplan Kollbach

Die Lage (stilisiert) vom Beobachtungsplatz Kollbach nördlich von München

Nachdem ich noch viele Schüler agitiert hatte, ihre Eltern zu einem Urlaub in der Finsterniszone zu überreden, reiste ich dann am 10. 8. nach Kollbach. Mein Vater war unterdessen schon zum Urlaub am Balaton, wo er mich am 13. 8. erwartete. Der Balaton lag komplett in der Totalitätszone.

Die Stimmung und Vorfreude in Kollbach war riesig, schon allein wegen der dort zu treffenden Freunde und Bekannten, welche man von vergangenen Astronomiereisen kannte. Am Abend hatten wir dann auch noch einen „Wetterfrosch“ aus Kollbach, der uns Wolkenlücken versprach.

Vorbereitungen zur SoFi in Kollbach

Vorabend der SoFi in Kollbach

Zu Beginn der Astronomiewoche in Kollbach gab es abends nach Einbruch der Dunkelheit einen Dia-Vortrag unter offenem Himmel, der über die Sonne informierte.

Dann der 11. August 1999, Kollbach – ein Ort mit ca. 100 Seelen, vollkommen übervölkert (wie fast alle Orte in der Finsterniszone), grob geschätzt ca. 800 Leute auf einem riesigen Freigelände (Sportplatz), die durch unseren Organisator teilweise extra aus Nürnberg angefahren wurden. Festzelt – Musik – einige fachspezifische Anfragen - öfter ein Regenschauer – körperliche Zunahme der Spannung – Aufbau vieler Teleskope & Fotoausrüstungen und dazugehörige Fachsimpeleien und kritisches Beäugen der doch vorhandenen Wolkenlücken. Ich hatte meinen Telementor ebenfalls dabei. Dann 11h 16‘16“ der erste Kontakt, den wir nicht direkt sahen (wegen der dicken Wolken). Aber den größten Teil der partiellen Phase bekamen wir immer wieder zu sehen. Aufregung unter den Massen – „ich sehe nichts“, „na dort“ (Umgang mit SoFi-Brillen ist schwer); beim Blick durch filtergeschützten Teleskope – „ach so sieht das aus“, „oh, da sind ja Punkte drauf“ – eigentlich schön! Aber wieder die Angst, den entscheidenden Augenblick zu verpassen, denn am Horizont nahte nicht der Mondschatten, sondern eine dicke Wolke.

Duan Jun aus Peking

Unser weitestangereister Teilnehmer (rechts im Bild): Duan Jun aus Peking (China), der uns bei den Reisen in China als Reiseleiter begleitet.

Warten auf die SoFi in Kollbach

Blick zum Himmel mit Finsternisbrillen

Eckehard Schmidt in Kollbach

Warten auf die Finsternis

Im Vorfeld hatte man sich extra mit allen Erscheinungen einer SoFi vertraut gemacht, weil man wußte, man muß innerhalb kürzester Zeit alles aufsaugen, es waren ja nur 2 min 20 sec. Totalität. Also Erwartungen auf Finsterniswind, flirrende Schatten, abnehmende Temperatur, Naturveränderung bei Pflanzen und Tieren, Perlschnurphänomene, Diamantring, Aufleuchten der Korona, Wahrnehmen von Protuberanzen, gelblich schimmernden Horizont, Sterne und Planeten in der Nähe der Sonne und – wenn alles gut geht – vielleicht gar noch ein selbstgemachtes Foto von allem!

Für 12 h 36' 57" war der zweite Kontakt, also der Beginn der Totalität an unserem Ort, und um 12h 35' war es nicht mehr zu verhindern – „Big Wolk!“ Es war schon vorher finster. Wir sahen die Finsternis wegen der Finsternis nicht! Also nichts mit flirrenden Schatten, .... etc. Wahrnehmbar waren der fahl schimmernde Horizont, nach meinen Empfindungen eine windstille (?) Phase, eine Abkühlung, und die Wolke war schwärzer als schwarz, es war Nacht um uns herum. Blitzlichter der Amateurfotografen erhellten häufig die gespenstische Szene, und es lag weiter eine Anspannung in der Luft nach dem Motto, ein Wunder würde die Wolke wegzutschen. Man ahnte, daß in ca. 10 km Entfernung vielleicht andere das Glück einer Wolkenlücke hatten. Der Handy-Funkverkehr war immens. Dann 12h 39‘ 17“, es dämmerte und wurde heller, aber das Wegwandern des Schattens war schwer abzugrenzen von der dicken Regenwolke über uns. Viele der dann beobachteten Gesichter zeigten Enttäuschung, Bestürztheit, Ratlosigkeit, andere wiederum wußten gar nicht, was nun anders war. Wenige verfolgten noch den Rest der partiellen Nachphase. Ich selber baute dann auch gegen 13.30 Uhr wegen aufkommenden Regens ab.

Regenschutz-Zelt in Kollbach

Regenschutz bot das Zelt

Fazit: Auch bei mir eine gewisse Enttäuschung und Leere nach großer Anspannung, aber andererseits das merkwürdige Gefühl, einem Schauspiel beigewohnt zu haben, das Massen in seinen Bann gezogen hat. Dieses Gruppengefühl war schon etwas Besonderes. Am Ende bleibt die wilde Entschlossenheit, die Finsternis am 21. Juni 2001 irgendwo im Süden Afrikas muß es dann sein. Und immerhin kann ich sagen, ich habe die größte teilweise Bedeckung gesehen!

Der Abschluss ist dann schnell erzählt. Es gab noch eine stark mißglückte SoFi-Party im Bürgerhaus Garching. Ich selber nutzte noch die super sternklare Nacht zum Betrachten des doch beeindruckenden Sommersternhimmels mit Sternschnuppen und machte einen untauglichen Versuch von „Langzeit“-Aufnahmen (10 sec. !).

Am 12.8. fuhr ich dann via Österreich zum Balaton, wo mir mein Vater von der fantastischsten SoFi seines Lebens vorschwärmte. (Toll für mich, warum bin ich nicht mit zum Balaton gefahren?). Am nächsten Tag konnte ich mir immerhin von einem ansässigen Fotografen erste Bilder der Totalität besorgen. Mit meinem Telementor beobachtete ich auch noch eine Weile die markante Sonnenfleckenanordnung, die mir während der partiellen Phase schon aufgefallen war. Und im Januar 2000 ist dann endlich wieder eine Mondfinsternis!

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