Wien

Österreichs Astronomie

1. November - 4. November 2001

Reisebericht von Eckehard Schmidt

Als ich gefragt wurde, wohin die Reise gehen könnte, schlug ich u.a. Wien vor. Die Entscheidung fiel für Wien: gut per Autobahn erreichbar; nicht weit entfernt (auch heutzutage trifft die Aussage von Regiomontanus zu: Nürnberg ist der Mittelpunkt Europas und die bedeutendsten Orte sind von hieraus gut zu erreichen); unterschiedlichste und attraktive astronomische Einrichtungen/Sternwarten und Institute; Fazit: ein Querschnitt durch Österreichs Astronomie sollte es sein.

Entlang der Donau reihen sich Perlen der österreichischen Astronomie. Wir stellten während der Reise fest, dass viel für die Astronomie getan wurde bzw. wird wie zum Beispiel die augenblickliche Modernisierung von Planetarium und Urania-Sternwarte in Wien, die wegen Renovierung und Einbau neuer Instrumente geschlossen waren.

Können Sie sich, lieber Leser, vorstellen, Nürnberg erhielte ein Astronomiemuseum für Regiomontanus ? Sicherlich nicht, aber in Österreich gibt es eines für seinen Lehrer Peuerbach. Ein kleiner Ort, eben Peuerbach, zeigt, wie pfiffig und gekonnt Astronomiegeschichte modern präsentiert werden kann. Bereits die Rathausuhr, in Form des Peuerbachschen Astrolabiums aus dem Nürnberger Germanischen Nationalmuseums, zeigt, wie Kulturgeschichte und Astronomie verbunden werden kann. Herrn Dr. Samhaber ist diese Idee zu verdanken. Er stellte sich auch als Motor des Museums vor und führte uns durch die Sammlung, wo mit Video, PC und Modellen dem Besucher die ganze Palette des Peuerbachschen Wirkens gezeigt wurde. Samhaber wies uns auch auf die neue Gedenktafel hin, die im Stephansdom in Wien angebracht wurde, dort verstarb Peuerbach 1461. Mit Symposien und überregionalen Veranstaltungen pflegt der kleine Ort Peuerbach sein astronomisches Erbe.

Dann ging es weiter Richtung Amateurastronomie. Wir besuchten die Volkssternwarte in Mariazell. Der Leiter des Astroteams Mariazell, Günther Eder, begrüßte uns in der Stadtmitte und wir fuhren hinter seinem Auto her zur Sternwarte. Auf 1000 m Höhe gelegen befindet sie sich über der Inversionsschicht und guter Horizont-Rundumsicht. Wegen des Wetter blieb es bei den theoretischen Erklärungen der Instrumente wie dem Meade 16“ LX-200. Eine große Kuppel erlaubt bis zu ca. 20 Besucher. Ein recht geräumiger Vortragssaal gehört ebenfalls dazu, wo einmal jährlich ein internationaler CCD-Workshop durchgeführt wird. Alles wurde in eigener Arbeit erstellt. Bei einem typischen Mariazellerlandlikör diskutierten wir noch eine Weile bis wir die Weiterfahrt nicht länger hinausschieben konnten.

Wäre es tagsüber gewesen, hätten wir von Mariazell aus eine sehr schöne Fahrt durch das Waldviertel gehabt. In der Ferne hätten wir auf der höchsten Erhebung, dem Mitterschöpfl (880 m Seehöhe) im westlichen Wienerwald, die Kuppel des "Leopold Figl-Observatorium für Astrophysik", eine Außenstation der Wiener Universitätssternwarte, sehen können. Aber es war dunkel, kalt und regnerisch und wir mußten uns beim Fahren ganz auf die Straßenverhältnisse konzentrieren.

Boltzmann, ein österreichischer Physiker, war Namensgeber für die Straße und das Hotel, wo wir wohnten. Gegenüber vom Hotel befindet sich das Physikalische Institut, in der angrenzenden Strudlhofgasse das Institut für Mathematik der Universität Wien. Es war schon spät geworden, als wir in Wien eintrafen und einige der Gaststätten, in die wir zum Stillen unseres Heißhungers gehen wollten, schlossen gerade vor unserer Nase – es war eben keine Hochsaison in Wien und wir gehörten zu den eher wenigen Touristen. Schließlich fanden wir noch was italienisches, eine Pizzeria.

Der nächste Morgen sah uns auf der Fahrt zur Kuffner-Sternwarte in Ottakring. Gegründet wurde sie als Privatsternwarte des reichen Brauereibesitzers Kuffner. Alleine das Haus des Sternwartenleiters war so prächtig gestaltet, dass es heute noch heute als Wohnsitz eines großbürgerlichen Bewohners hätte gelten können. Das war aber nicht das einzige, was uns der Leiter der Sternwarte, Dr. Peter Habison, in seiner Einführung zeigte und erzählte. Er ist auch zuständig für Urania-Sternwarte und Planetarium am Prater und konnte voller Stolz darauf verweisen, dass auch sie modernisiert werden, wie es seit einigen Jahren auch schon mit der Kuffner-Sternwarte geschah. Neugierig geworden darauf, woher die Finanzierung der Millionenbeträge gekommen seien, erhielten wir zur Antwort, dass es einer langjährigen strategischen Regie bedurfte, sowie dem zeitgleichen Umstand, dass die Stadt Wien sich innoviert, um ihr internationales Ansehen und Reputation auszubauen. Wie wir beim Rundgang feststellen konnten, war bei der Modernisierung der Kuffner-Sternwarte der Denkmalschutz eingeschaltet worden und mit dessen Geldern die historischen Instrumente funktionsfähig gemacht worden.

Zur Besichtigung von Kleinodien fuhren wir in die Stadtmitte zurück. Dort ist das Uhrenmuseum in einem der ältesten Häuser Wiens, Harfenhaus, untergebracht. Wir gerieten mitten in die Vorbereitungen einer Sonderausstellung (8.11.2001-13.1.2002) : „Dem Glücklichen schlägt keine Stunde ... oder wie die Vorstellung von der ‚Wiener Gemütlichkeit‘ entstand.“ Dennoch fand der Kustodo, Herr Kerschbaum, Zeit, uns die astronomische Kunstuhr Frater Cajetanos (1726-1796) zu erklären. Ein Zahnrad nach dem anderen kam zum Vorschein, als Kerschbaum vor einigen Jahren die Uhr restaurierte. Er montierte Fotos der Räder zu einem „Gemälde“ – Dies erinnert an die philosophische Betrachtungsweise aus der Zeit des mechanistischen Denkens, z.B. René Descartes: Die Welt ein einziges Räderwerk

Die Astronomie in einem anderen Rahmen, so erschien uns das Gebäude der Universitätssternwarte. Die beginnende Dämmerung und die Beleuchtung ließ es uns noch kathedralenartiger erleben, als es eigentlich ist. Fertiggebaut wurde es 1878, unter Architekten, die später berühmt wurden für Theaterbauten. Gelegentlich werden die riesigen Flure an Firmen für Events vermietet, aber leider ist die Akustik schlecht, so dass solche Geschäfte nicht florieren. Professor Hron erklärte uns, dass die Gebäudegröße mit der des Stephansdoms vergleichbar sei. Die Mittelkuppel mit dem 68 cm Refraktor besitzt einen Durchmesser von14 m; nach der Fertigstellung war das Teleskop eine kurze Zeit das größte der Welt. Die Nordkuppel wird zur Zeit mit einem neuen Instrument ausgestattet, dass der Studentenausbildung dienen soll. Von der Plattform hatten wir einen schönen Überblick über das abendliche Wien.

Der dritte Reisetag ließ uns Zeit zur freien Verfügung. Es gab nur Empfehlungen für Besichtigungstouren. Viele fuhren vormittags mit der U-Bahn zur Schloßbesichtigung nach Schönbrunn und mittags in die Innenstadt zurück. Hier besuchten einige das Naturkundemuseum mit seiner großen Meteoritensammlung oder andere Museen wie das neu eröffnete Museumsquartier gegenüber.

Abends fuhren wir mit der Straßenbahn nach Grinzing und erlebten einen gemütlichen Abend in einem alten, historischen Weinlokal. Zu Essen gab es an der Theke eine große Auswahl an typischen Speisen zu kaufen: Die Brötchen heißen Semmeln, Blutwurst heißt Blunze, Kümmelbraten (Schweinebraten), Liptauer - Senf, Zwiebel, Streichkäse. Vor der Rückfahrt zum Hotel versuchten wir noch die Saturnbedeckung durch den Mond zu erleben, aber vergebens. Vielleicht waren die Straßenlaternen doch zu hell oder wir noch zu nüchtern.

Ein Schmankerl nahmen wir auf der Rückfahrt nach Nürnberg mit: ein Besuch des Sternwartenturms des Klosters Kremsmünster im Traunviertler Alpenvorland. Gegründet wurde das Stift schon im Jahre 777 n. Chr.; Neubauten im 17. und 18. Jh. erweiterten die Anlage zur bedeutendsten barocken Klosteranlage Österreichs. Schon von weitem war das Ziel zu erkennen, da die Sternwartenkuppel auf dem Turm im Sonnenlicht glänzte. Aber es ist kein gewöhnlicher Sternwartenturm, den wir besichtigten. Er ist heutzutage Teil der Klosterschule (Gymnasium) und beherbergt Anschauungsmaterial für den Unterricht: Sternwarte, Naturhistorisches Museum, geologisches, mineralogisches, physikalisches, zoologisches, antropologisches, astronomisches Kabinett. Da der Turm zwischen 1748 und 1758 gebaut wurde und sechs Stockwerke hoch war, war er damals eine kleine architektonische Sensation, eines der ersten „Hochhäuser“ Europas. Dem Gedankengebäude der damaligen Zeit nachvollziehend, begann Frau Weinmaier unsere Führung im Parterre mit den Sammlungen der irdischen Dinge im untersten Stockwerk, die Räume für die Astronomie liegen im obersten Stockwerk.

Und zu guter Letzt:
1) Reisestatistik: 12 Teilnehmer; der Transport erfolgte mit zwei Neunsitzer Autos; auf meinem Kilometerzähler wurden 1255 km Gesamtfahrstrecke gezählt;
2) Wer den Vereinsausflug, ausführlicher als hier im Artikel niedergeschrieben, elektronisch nachlesen und technische Details der besuchten Institutionen und Instrumente wissen möchte, ruft im Internet folgende Adressen auf:
1. Peuerbach: http://www.peuerbach.at
2. Mariazell: http://beam.to/astroteam
3. Hotel Boltzmann: www.arcotel.co.at
4. Kuffner-Sternwarte: http://www.kuffner.ac.at
5. Uhrenmuseum: www.museum.vienna.at
6. Universitätssternwarte Wien: http://www.astro.univie.ac.at/IfA/fuehrungen.html
7. Schloß Schönbrunn: www.schoenbrunn.at
8. Technikmuseum: http://www.tmw.ac.at
9. Kremsmünster: Sternwartenturm der Klosterschule: http://www.kremsmuenster.at/stift
10. Grinzing: http://www.grinzing.net
11. Planetarium Wien: http://www.planetarium-wien.at
12. Sonst noch – beispielsweise das neue Museumsquartier: http://www.mqw.at

Schmidt, Eckehard: Wien und die österreichische Astronomie, in Regiomontanusbote 1/2002 - 15. Jahrgang, Seite 24-27



2016 fuhren wir wieder nach Wien, der Reisebericht ist nachlesbar Wien im Jahr 2016 - hier.
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