Großbritannien 1990
Nationale Astronomie Woche

Im Jahr 1990 fand in Großbritannien eine National Astronomy Week (NAW) statt. Anläßlich einer Kultur-Astronomie-Reise dorthin hatten wir Gelegenheit, einige der Aktivitäten zu besuchen und mit Verantwortlichen zu sprechen.

Der Gedanke, eine Woche lang die Astronomie in der britischen Öffentlichkeit zu präsentieren, war nicht neu. Zwei solcher NAWs gab es schon in früheren Jahren. Die bereiste NAW dauerte vom 17.-24. November 1990. Es fanden im ganzen Land astronomische Veranstaltungen unterschiedlichster Art statt. Ihr Ziel war es, die Öffentlichkeit über die Lage, Arbeit und Ergebnisse der britischen Amateur- und Populärastronomie zu informieren, zu interessieren und letztendlich zum aktiven Mitmachen zu bewegen.

Getragen wurden diese Veranstaltungen von örtlichen, regionalen und landesweit organisierten Gruppen und Vereinen, Astronomiezeitschriften, Planetarien und Sternwarten.

Dark Sky 2000

Das allgemeine Motto der NAW lautete "A Celebration of British Astronomy". Ein spezieller Themenbereich befaßte sich mit der Lichtverschmutzung.

Während der NAW wurde eine Kampagne gestartet, die sich gegen die übermäßige Lichtflut von Straßenlaternen und Stadtbeleuchtungen wendet. Nicht nur, dass es die Astronomen bei der Betrachtung des Nachthimmels stört, sondern auch aus Umweltschutzgründen, soll die Lichtverschmutzung gesenkt werden. Nicht alles Licht ist unnötig, aber viel von ihm wird verschwendet. Dabei haben die Lichttechniker schon eine neue Technologie, um damit das Licht wirkungsvoller den Boden beleuchten zu lassen.

Man errechnete für Großbritannien, dass jährlich 250 000 Tonnen fossiler Brennstoffe zur Energieerzeugung benutzt werden, die allein den Himmel anleuchtet und nicht den Boden. Diese Verschwendung verstärkt den Treibhauseffekt und verursacht mit den sauren Regen. Die Kosten sind astronomisch hoch, ca. 18 Millionen £ jährlich.

Die Kampagne gegen die Lichtverschmutzung begann mit der NAW und wird noch jahrelang darüber hinaus forgesetzt. Getragen wird sie von der British Astronomical Association, die der Kampagne den Namen gab: Dark Sky 2000. In Unterschriftenlisten kann sich derjenige eintragen, der gegen die Lichtverschmutzung ist. Diese Kampagne ist keine Erfindung der NAW, sondern eine ähnlich wurde schon früher in den USA gestartet und jetzt auf Großbritannien übertragen.

Auf die Frage, ob das Thema der Lichtverschmutzung gewählt wurde, weil das viele Licht die Astronomen stört oder ob die Astronomen tatsächlich Ökologen sind, versichern alle Gesprächspartner, dass gerade die Astronomen sich der Tatsache bewußt sind, wie herausragend die Lage der Erde im Weltraum ist und dass eine ökologische Handlungsweise unbedingt nötig ist. Man macht sich die Probleme der allgemeinen Öffentlichkeit zu seinen eigenen und hilft bei der Lösungssuche, denn nur dann kann man erwarten, dass die Öffentlichkeit die eigenen mitlöst.

Öffentlichkeitsarbeit

Selbst wer gute Argumente hat, lenkt damit nicht automatisch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. In einer von den Medien geprägten Öffentlichkeit geht es um Einschaltquoten im Fernsehen, die besten Seiten in der Presse usw. Da die Astronomie mit anderen Nachrichten konkurriert, muß sie sich von ihrer attraktivsten Seite zeigen und Neugier erwecken. Auf verschiedenen Ebenen wurde versucht, die Öffentlichkeit zu erreichen.

Der Veranstaltungskalender der NAW listete 86 Veranstaltungen auf - darunter gewöhnliche und außergewöhnlich wie Nachtgespräche, Beobachtungsabende, öffentliche Vorträge, Entwerfen von Briefmarken mit astronomischen Motiven durch Schüler, Sondervorführungen für Schulklassen, Theateraufführungen, Buchausstellungen und Sonderausstellungen in Schulen, Galerien und Museen. Viele Planetarien starteten in der Woche mit neuen Programmen. Eine Wochenendveranstaltung erinnerte an die Tradition der britischen Amateurastronomie und an einen ihrer besten Vertreter im letzten Jahrhundert, Thomas Webb.

Während der NAW wurden in Sternwarten, Planetarien und bei Veranstaltungen Geldsammlungen durchgeführt. Das Geld wurde zum Ende der NAW einer Organisation für Kinder in Not übergeben. Die Übergabe erfolgte im Rahmen einer in Großbritannien sehr populären Fernsehsendung, die speziell den Kindern in Not gilt.

Diese Art des sozialen Engagements war auch schon bei der letzten NAW gezeigt worden. Die 1986 durchgeführte Sammlung wurde dem Blindenwerk zur Verfügung gestellt, da Blinde vom Sehen in der Astronomie ausgeschlossen sind.

1990 konnten bekannte Sponsoren gewonnen werden. Ein großes Kreditkartenunternehmen und die British Astronomical Society schrieben einen Aufsatzwettbewerb zur Astronomie aus. Der Siegerpreis war eine Reise zur Sternwarte nach La Palma auf den Kanarischen Inseln, wo u.a. das 4,2 m Herschel Teleskop steht.

Aktivitäten auf der Straße gehörten ebenfalls dazu. Der November erlaubte eine Beobachtung des Himmels schon ab ca. 18 Uhr. Einige stellten Fernrohre auf die Straße und forderten vorübergehende Passanten auf, sich die Gestirne anzusehen.

Unter den teilnehmenden astronomischen Organisationen war ein Wettbewerb ausgeschrieben für die beste Marsbeobachtung und -zeichnung. Der Gewinner erhielt 50 £ und seine Gruppe einen Lap-top Computer.

Die jahrelange, gut genutzte Vorbereitungszeit der NAW machte sich auch bei der Wahl geschichtlicher Themen bemerkbar.

Astronomiegeschichte

Der Zeitpunkt der NAW war geschickt auf 1990 gelegt worden, weil sich einige Jubiläen ereigneten. Die britische Organisation für Amateurastronomen, British Astronomical Association, wurde 100 Jahre alt. Und die Sternwarte in Armagh beging ihr 200jähriges Bestehen.

Aus Anlaß dieser zwei Jubiläen erschienen vier Briefmarken, die einen Monat vor der NAW durch die britische Post herausgegeben wurden. Der Briefmarkensatz zeigt die Geschichte der englischen Astronomie allgemein. Die feierliche Übergabe der Briefmarken am Ersttag, Briefmarkenausstellungen und Sonderstempel führen dazu, dass die große Zahl der Briefmarkensammler auf die NAW hingewiesen wurden.

Die British Astronomical Association (BAA) ist die führende britische Gesellschaft für Amateurastronomen. Gegründet wurde sie 1890 und erreichte eine allseits anerkannte Qualität in ihrer Tätigkeit. Die BAA veröffentlicht u.a. jährlich ein Handbuch und eine zweimonatlich erscheinende Zeitschrift. Die Mitglieder sind in einem Dutzend Arbeitsgruppen engagiert. Der Sitz der Organisation ist in London, im gleichen Gebäude wie die Royal Astronomical Society (RAS), deren Aktivitäten sich auf wissenschaftliche Forschung richten.

Die Bibliothek der RAS hält eine sehr gute Auswahl astronomischer Literatur bereit. Da die RAS 1820 gegründet wurde, lagern im Magazin der bibliothek wichtige Unterlagen, wie beispielsweise der Schriftverkehr und die Aufzeichnungen Samuel Heinrich Schwabes (1789-1875) aus Dessau, Entdecker der Sonnenfleckenperiode.

In London beteiligte sich auch die historische Sternwarte in Greenwich an der NAW. Zusätzliche Museums- und Planetariumsführungen wurden angeboten.

Die zweitälteste Sternwarte von Großbritannien steht in Armagh, Nordirland. Sie wurde 1790 gegründet, wenige Jahre nach Herschels Entdeckung des Uranus.

Nordirland besitzt ein ungünstiges Klima für astronomische Beobachtungen. Deshalb gibt es die ungewöhnliche Sternwartenarchitektur mit Fenstern in dem Kuppelbau, um mit einem Blick prüfen zu können, ob der Himmel Beobachtungen zuläßt oder nicht.

Das erste wichtige Hauptinstrument war ein Troughton Äquatorialteleskop, dessen Achse nicht nach Ost-West, sondern nach dem Himmelspol ausgerichtet war. Dadurch konnte man in solchen Himmelsrichtungen messen, die wolkenfreie Sicht boten. Dieses Äquatorial existiert noch heute und war in Belfast in einer großen Ausstellung über die 200jährige Geschichte der Sternwarte zu sehen.

Bis in die Gegenwart erhielten sich Beobachtungsbücher, Sternkataloge, Tabellenbücher und Berechnungen aus Armagh, die von geschichtlicher Bedeutung sind, weil dadurch das Langzeitverhalten von Gestirnen studiert werden kann.

Forschung

Trotz des Alters zählt die Sternwarte Armagh immer noch zur Spitze in der modernen Astronomie. Die Sternwarte Armagh beteiligt sich an der Forschung z.B. mit dem Herschel-Teleskop in La Palma.

Selbstverständlich benötigt die NAW Unterstützung durch die Fachastronomie, die ihr auch gewährt wurde. Der Schirmherr der NAW war der Astronomer Royal. Ein neuer sollte bestellt werden, konnte aber nicht ernannt werden, weil die britische Premierministerin Thatcher in politischen Schwierigkeiten steckte und keine Zeit zur Ernennung hatte. Jetzt fiel in die Woche der NAW ihr Rücktritt.

Wir erlebten den ehemaligen Astronomer Royal im Museum für Wissenschaft und Industrie in Manchester bei einem öffentlichen Vortrag, in dem er auch über die Entstehung und Entwicklung des neuen Radioteleskops in Cambridge berichtete.

Während der NAW wurde nun in Cambridge das neue Radioteleskop eingeweiht. Sein Radiospiegel hat einen Durchmesser von 32 m. Es ist Jodrell Bank unterstellt und dem Radioteleskopverbund MERLIN (Multi-Element Radio-Linked Interferometer Network) angeschlossen. Dessen sieben Beobachtungsstationen ereichen jetzt eine wirksame Basislänge des Radiointerferometers von über 230 Kilometern.

Mit der offiziellen Einweihung des neuen Radioteleskops wurde auf Wunsch der NAW-Initiatoren bis zur NAW gewartet, um einen weiteren Höhepunkt der britischen Astronomie in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Das Besucherzentrum von Jodrell Band hatte an einem Abend der NAW extra geöffnet. Mitglieder astronomischer Gruppen der Umgebung wirkten bei der Gestaltung mit und standen den Besuchern Rede und Antwort, unterstützt von einem Computer mit astronomischen Programmen. Das Planetarium von Jodrell Bank hat Bedientastaturen an jedem Sitz, mit dem die Besucher während der Vorführung wählen können. Erstmals in Großbritannien wurde dieses Verfahren vom Planetarium in Armagh eingesetzt.

Computerspiele

Auf dem Gelände der Sternwarte in Armagh steht auch das Planetarium. Beim Eintritt in das Planetarium in Armagh fühlt man sich zunächst in eine Spielhalle versetzt. Lichtreflexe, grelle Lampen, Spotlights, Bildschirme vor den Wänden, Tastaturen auf Tischen mit Stühlen davor beherrschen das Blickfeld. Beim Nähertreten ist festzustellen, daß diese Computer mit astronomischen Selbstlernprogrammen ausgestattet sind. Das Spielen an ihnen ist erwünscht.

Zum Beispiel ist einer der Computer mit einem Programm über den Bau von Fernrohren versehen. In knapper Form ist auf dem Bildschirm der Zweck und das Prinzip eines Fernrohrs erklärt. Danach darf der Fernrohrbau simuliert werden, d.h. der Bediener wird gefragt, welcher Durchmesser das Objektiv haben soll (drei Möglichkeiten sind vorgegeben). Es erscheint auf dem Bildschirm eine Objektivlinse. Danach erscheint die Aufforderung, den Durchmesser für die Okularlinse einzugeben (wieder sind drei Möglichkeiten vorgegeben). Anschließend erscheint auf dem Bildschirm das komplette Fernrohr und die berechnete Vergrößerung. Wer möchte, kann danach einen neuen Versuch des Fernrohrbaus starten und andere Durchmesser wählen, bis er das Fernrohr mit der stärksten Vergrößerung konstruiert hat.

Was in der Vorhalle an den Spielgeräten eingeübt wurde, wird im Inneren während der Planetariumsvorführung fortgeführt. Auf jedem Sitz des Planetariums liegt eine Bedientastatur mit drei Knöpfen in den Ampelfarben rot, gelb und grün. Mehrmals während der Vorführung wird gefragt, welches von drei vorgeschlagenen Themen weiter behandelt werden soll. Per Knopfdruck können sich die Besucher entscheiden. Weitergemacht wird mit dem Thema, das die Mehrheit erhalten hat und das Planetariumsgerät wird mit dem gewählten Programm gespeist.

Das Planetarium Armagh verkauft in Großbritannien die meisten astronomischen Materialien wie Bücher, Aufkleber und Poster. Käufer sind nicht nur Einzelpersonen, sondern auch viele astronomische Einrichtungen Großbritanniens, die weiter verkaufen. Ein Gang durch das Lager war wie ein Gang durch eine Fabrikhalle. In einem angrenzenden Neubau hat der Sekretär der NAW, Martin Ratcliff, sein Büro, der uns über seine Tätigkeit erzählte.

Organisation

Die erste NAW fand 1981 statt, als der 200. Jahrestag der Entdeckung des Uranus begangen wurde. Die zweite NAW veranstaltete man 1986 aus Anlaß des Halleyschen Kometen. Auf der dritten NAW, 1990, wurden neben den schon beschriebenen Jubiläen weitere Themen aufgegriffen.

In den U.S.A. gibt es einen einzigen Tag an dem landesweit die Astronomie vorgestellt wird. In Großbritannien entschied man sich für eine ganze Woche, weil man seine eigenen Kräfte und Kapazitäten dadurch besser auf- und verteilen konnte. Das hat jedoch den Nachteil, dass man eine ganze Woche lang die Öffentlichkeit für sich interessieren muß. Das Ziel war aber, die Aktivitäten so zu streuen, dass sie sich über eine ganz Woche verteilen und ein wirksames Angebot an die Medien des Landes darstellen, darüber zu berichten.

Es beteiligen sich nicht alle Gruppen und Institutionen an der NAW. Nur diejenigen werden aktiv, die auch Interesse an nach außen an die Gesellschaft gerichteten Aktivitäten haben und Austausch suchen. Man sucht die gesellschaftliche Akzeptanz und Herausforderung.

Alle an der NAW teilnehmenden Organisation sind unabhängig, es herrscht eine freiwillige Teilnahme. Die Durchführung der NAW liegt in den Händen von Leuten, die eine ausgewogene Interessenvertretung erwarten lassen.

Ein Problem ist die Finanzierhung der NAW. 1986 mit dem Publikumsmagneten Halleyscher Komet lief es recht günstig. Eine Zeitung sponserte 11000 Pfund und stellte ein Büro mit Telefon. Die NAW konnte teilnehmende aktive Gruppen mit maximal 20 £ unterstützen.

1990 war dies nicht möglich. Lediglich das Comitee for the Public Understanding of Science der Royal Society stellte einen Preis von 2500 £ zur Verfügung. Ansonsten mußten Spendenbriefe geschrieben werden. Sachspenden bestanden zum Beispiel aus kostenlosen Druck von Postern. In kostenlos gedruckten Broschüren konnte durch Anzeigen Geld eingenommen werden. Ansonsten waren die Gruppen auf sich alleine gestellt und mußten sich durch Eintrittsgelder ihre Veranstaltung selbst finanzieren.

Die Wahl des Termins war wichtig. Für die meisten Aktivitäten begann die Vorbereitungszeit etwa ein halbes Jahr vorher. Beim Novembertermin lag sie hauptsächlich in der Sommer- und damit in der Urlaubszeit. Etwa zwei Monate entfielen dadurch für die Vorbereitungen. Eine zusätzliche Erschwernis stellten Wechsel in den Adressen dar, wenn Vorsitzende neu gewählt worden waren oder Kontaktadressen sich geändert hatten und es der NAW nicht mitgeteilt worden war.

Schwierig ist es, Erfolge der NAW zu messen. Eine Sammlung von Presse-/Radio-/Fernsehmeldungen gibt Überblick über die Aktivitäten. Die Zahl der den Organisationen neu beigetretenen Mitglieder wurde nicht erfaßt.

Quelle - Meine Gesprächspartner waren:

Pat Barber, British Astronomical Association
Brendan Byrnes, Armagh Observatory
John McFarland, Armagh Observatory
John Flynn, Planetarium Armagh
Harry Ford, Old Royal Observatory, Greenwich
Dr. Ian Griffin, Planetarium Armagh
Peter Hingley, Royal Astronomical Society
Martin Ratcliff, Secretary of National Astronomy Week
Tony Steff-Langston, Royal Astronomical Society


Literatur

Bennett, J. A.: Church, State and Astronomy in Ireland - 200 Years of Armagh Observatory, Cambridge 1990

Moore, Patrick: The Astronomy of Birr Castle, London 1971

Schmidt, Eckehard: Nationale Astronomische Woche in Großbritannien, Regiomontanusbote 4/1991, Seite 2 - 5


Eckehard Schmidt


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