Wappen von Charkiw Nürnbergs Partnerstadt seit 1990
Charkiw
Ukraine

Charkiw ist die zweitgrößte Stadt der Ukraine und ein großes Industriezentrum, Kultur und Wissenschaft. Die Stadt hat ca. 1,6 Millionen Einwohner. Gegründet wurde sie 1656. Charkiw besitzt eine interessante Astronomie-Vergangenheit und Gegenwart, die in keinem Reiseführer erwähnt wird.

Planetarium Juri Gagarin

Das Planetarium liegt im Stadtzentrum und leicht erreichbar. Unauffällig steht der große Bau inmitten der Häuserreihe und erinnert äußerlich nicht an ein Planetarium. Eher noch fällt von der Straße die kleine Sternwartenkuppel auf.

Ein Vortragssaal ist mit Plastiken, Bildern und buntverglasten Fenstern astronomischer Motive geschmückt. Erd- und Mondglobus, Schautafeln und Vitrinen enthalten Ausstellungsstücke zu wechselnden Themen, u.a. über Juri Gagarin, der 1961 zum ersten Menschen im Weltall wurde.

Der Zutritt ins eigentliche Planetarium liegt im ersten Stock. Der Projektionsraum besitzt einen Durchmesser von rund 15 m und bietet 180 Zuschauern Platz. Der Planetariumsprojektor ist ein ZKP-2 Gerät von Zeiss-Jena.

Beim Besuch im Jahre 1992 führte uns Frau Nina Davidovna She Hosova durchs Planetarium. Auch der von anderen Planetarienbesuchen bekannte Sternenhimmel, die Horizonteinblendungen oder die Sonderprojektoren für Spezialeffekte für Raumfähren, Kometen usw. gibt es hier.

Wir steigen zur Sternwarte rauf. In der Kuppel steht ein kleines Meniskas-Teleskop von Zeiss-Jena. Eine größere Investition ins Fernrohr lohnt nicht, bedauerlicherweise vibriert der Teleskopsockel, wenn die U-Bahn unterm Gebäude durchfährt und verwackelt die Beobachtungen.

Sternwarte

Die Sternwarte liegt inmitten der Stadt in einem Park neben der Universität. Die Gebäude sind von Bäumen umstanden. Schon vor dem Betreten des Geländes wird ersichtlich, dass dort keine praktische Beobachtung mehr betrieben werden kann. Der Direktor der Sternwarte, Wladimir Nikolaewich, erläuterte die Geschichte der Sternwarte und zeigte die vorhandenen Geräte, an denen die Studenten ausgebildet werden. Die eigentliche Sternwarte, auf der optische Beobachtungen gemacht werden, liegt ca. 70 km außerhalb der Stadt Charkiws in der Nähe des Radioteleskops UTR-2.

Die Gründung der Sternwarte erfolgte 1883 als Universitätssternwarte. Eine Universität gab es seit 1805. Die Sternwarte erwarb sich einen guten Ruf durch ihre astrometrischen Forschungen. Planetenforschung war und blieb bis heute ein Schwerpunktbereich. Außerdem wird traditionell Photometrie und Solarphysik betrieben.

Beispielsweise wurde N. Barabashov (1894-1971) durch seine zahlreichen Marsbeobachtungen bekannt. 1926 veröffentlichte er eine Karte des Mars. Von 1933 bis 1939 machte er photometrische Aufnahmen vom Mars in verschiedenen Wellenlängen und er definierte optische Charakteristiken des Planeten.

Ludwig und Otto Struve

Die Geschichte der Sternwarte ist mit dem Namen der bekannten Astronomenfamilie Struve verbunden. Ludwig und Otto Struve wirkten in Charkiw.

Die Familienchronik der Struves weist insgesamt sechs Astronomen aus. Die Dynastie der Struves in der Astronomie begann mit dem berühmten Friedrich Georg Wilhelm Struve (1793-1864), der Direktor der Sternwarte in Pulkowo wurde. Er hatte einen Sohn, Otto Wilhelm (1819-1905), der seinem Vater als Direktor der Sternwarte Pulkowo folgte. Zwei Söhne Otto Wilhelms, Herman (1854-1920) und Ludwig (1858-1920), wurden Astronomen, und jeder hatte einen Sohn, Georg (1886-1920) und Otto (1897-1963), die ebenfalls Astronomen wurden. Mit Otto Struve endete die Struve Dynastie in der Astronomie.


Sternwarte Pulkowo


(Friedrich Georg) Wilhelm Struve
* 15. April 1793 in Altona
† 23. November 1864 in Pulkowo
Otto Wilhelm von Struve
* 7. Mai 1819 in Dorpat
† 16. April 1905 in Karlsruhe
(Gustav Wilhelm) Ludwig von Struve
* 1. November 1858 in Pulkowo
† 4. November 1920 in Sewastopol
(Karl) Hermann von Struve
3. Oktober 1854 in Pulkowo
† 12. August 1920 in Bad Herrenalb
Otto von Struve
* 12. August 1897 in Charkow
† 6. April 1963 in Berkeley
Georg (Otto Hermann) von Struve
* 29. Dezember 1886 in Pulkowo
† 10. Juni 1933 in Berlin


Gustav Wilhelm Ludwig Struve (1.11.1858 Pulkowo - 4.11.1920 Sewastopol) arbeitete zunächst an den Sternwarten Pulkowo und Tartu. 1894 zog er nach Charkiw, wo er zuerst außerordentlicher Professor und dann von 1897 bis 1919 ordentlicher Professor für Astronomie und Geodäsie wurde. Gleichzeitig leitete er als Direktor der Universitätssternwarte Charkiw. 1912 berief man ihn als Dekan an die Fakultät für Mathematische und Physikalische Wissenschaften. Sein Hauptarbeitsgebiet war die theoretische Astronomie.

1919 zog Ludwig Struve mit seiner Familie auf die Krim, um die Gesundheit seines Sohnes Werner zu verbessern. Er nahm eine Professur an der Tauris Universität in Simferopol an. Doch Sohn Werner und eine junge Tochter starben.

Sein drittes Kind, Sohn Otto, (12.8.1897 Charkiw - 6.4.1963 Berkely/Californien) wurde zum letzten von sechs Astronomen in der Familie Struve. In Charkiw begann er 1914 Astronomie zu studieren. Doch der erste Weltkrieg unterbrach sein Studium und er mußte die Artillerieschule besuchen. Otto Struve kämpfte als Offizier an der Türkischen Front.

Nach Kriegsende setzte er an der Universität in Charkiw sein Studium fort und machte einen erstklassigen Abschluss in Astronomie. Nur kurze Zeit konnte er als Assistent an der Universität arbeiten, dann wurde er 1919 zur Armee unter General Denikin gerufen, der im ausgebrochenen Bürgerkrieg gegen die Rote Armee kämpfte. Die verbliebenen Reste der Denikin Armee flüchtete per Schiff von der Krim in die Türkei, unter ihnen Otto Struve. Oftmals dem Hungertod nahe, lebte er in Konstantinopel.

1921 erhielt er eine Einladung von Prof. E. B. Frost, dem Direktor der Yerkes-Sternwarte in den USA. Elf Jahre später wurde Otto Struve Direktor der Yerkes-Sternwarte. 1939 gründete und leitete er die McDonald Sternwarte. 1950 erhielt er eine Professur an der Universität von Kalifornien in Berkely. Von 1952 bis 1955 war er Präsident der Internationalen Astronomischen Union (IAU). 1959 übernahm er die Direktion des National Radio Astronomical Observatory in Green Bank.

Otto Struves Hauptarbeitsgebiete waren die Stellarastronomie und Kosmologie. Bekannt wurde er einem breiteren Publikum durch zwei Bücher über die Sternentwicklung und über die Astronomie im 20. Jahrhundert, sowie durch viele Artikel in Sky & Telescope.