Buch: Sterne der Traumzeit Quelle: Sterne und Weltraum 9/2006

Der zunächst vielleicht merkwürdig anmutende Titel weist auf eine in den Mythen der australischen Aborigines fortlebende, weit zurückliegende Epoche hin, die sie "Traumzeit" nennen. Während dieser Zeit besuchten die Geister der Ahnen die bis dahin noch chaotische Erde, um ihr Schöpfungswerk zu beginnen und die Welt materiell, geistig und sozial zu ordnen. Nach getaner "Arbeit" zogen sie sich an den Himmel zurück, wo sie als Sternbilder weiterleben. An geheimnisvollen, heiligen Orten, wie den Monolithen Uhuru (Ayers Rock) und den Olgas hat sich die Traumzeit im Glauben der Ureinwohner bis heute erhalten.

Das kleine Buch gibt Eindrücke wieder, die der Autor als Astronomiehistoriker und von 1976 bis 2004 Direktor der Archenhold-Sternwarte in Berlin-Treptow auf Reisen nach Ägypten (1997), Mexiko (1998), Italien (1999/2002/2005), Australien (1995/2005), Südfrankreich (1992) und Indien (1999) gesammelt hat.

Zwar sind die besuchten Orte heutzutage sämtlich Ziele des Massentourismus, und kurze Berichte darüber für viele nicht sonderlich aufregend zu lesen, wenn nicht, wie könnte es bei Herrmann auch anders sein, der astronomiegeschichtliche Gesichtspunkt, der für alle Reisen Antrieb war und der die Texte prägt, sie nicht nur zur unterhaltsamen, sondern vor allem zur lehrreichen Lektüre machen würde.

Stationen waren unter anderem die steinernen Zeugnisse, die vom Ursprung der ägyptischen Astronomie künden, die Beiträge der Maya-Kultur, etwa zum Kalenderwesen, die riesigen Sonnenuhren von Jai Singh in Jaipur, zum Beispiel das Yantar Mantar.

Der interessierte Leser erfährt manches aus der "Forscherwerkstatt" Galileis, was nicht allgemein bekannt ist; auch makabre Details über seinen Tod (einschließlich der Abbildung seines Mittelfingers). Als Freund der Bilder van Goghs fand der Rezensent den Versuch einer astronomischen Rekonstruktion der Umstände, die (möglicherweise) bei der Entstehung des berühmten Gemäldes "Sternennacht" vorgelegen haben, neu, eindrucksvoll und einleuchtend (Reise nach Saint-Rèmy, Südfrankreich 1992).

Allen Lesern, die Freude an astronomisch-historisch orientierten Reiseberichten haben, möchte ich die "Sterne der Traumzeit" warm empfehlen.

Gerhard Klare