Eleganter Nonsens


Astronomische Fehler auf der Kepler-Sonderbriefmarke 2009 und 1971


Zum Gedenken an "400 Jahre neuzeitliche Astronomie" im Internationalen Jahr der Astronomie 2009 hatte sich das Bundesfinanzministerium und die Deutsche Post vorgenommen, eine Sondermünze bzw. eine Sonderbriefmarke zum Gedenken an Kepler herauszugeben, die die Keplerschen Gesetze in Andeutung zeigen sollten. Die Sondermünze präsentiert eine anspruchsvolle Darstellung von Kepler im Profil und eine Zeichnung aus seiner "Astronomia Nova" (Prag 1609), die "ihm durch den Kopf geht".

Keplermünze Vorderansicht Keplermünze Rückansicht
Auch die Konkurrenzvorschläge hätten ein gutes Bild abgegeben. Ganz anders bei der Sonderbriefmarke. Hier zunächst die Entwürfe, die es wohl zurecht nicht an die Spitze schafften:


Keplermarke 1. Entwurf Keplermarke 2. Entwurf Keplermarke 3. Entwurf

Aber auch der erste Entwurf des späteren Gewinners hatte so seine Schwierigkeiten:

Keplermarke 1. Versuch

Dieser offizielle Entwurf vom Oktober 2008 enthielt zu viele schwerwiegende Fehler, so dass man eine Nachbesserung vornehmen musste. So sieht nun die endgültige Fassung der Gedenkbriefmarke aus:

Keplermarke 2. Versuch

Aber kann man mit dieser Darstellung aus astronomischer Sicht zufrieden sein? Natürlich muss man dem Künstler eine gewisse Gestaltungsfreiheit lassen, aber dabei darf in diesem Fall der wissenschaftliche Aspekt nicht vergessen werden.

Was ist immer noch falsch oder verbesserungswürdig?

Es gibt selbstverständlich die Schwierigkeit, astronomische Dimensionen im Briefmarkenformat wiederzugeben. So ist allein die Größe der Sonne sowohl zu den Planeten wie auch zu den gezeichneten Bahnen maßstäblich unverhältnismäßig - dies sei aber dem Briefmarkenentwerfer verziehen, weil es nicht anders geht. Dennoch zeigt sich, dass der Briefmarkenentwerfer einige astronomische Grundkenntnisse einhalten bzw. astronomische Nähe suchen sollte, weshalb wir von Fehlern auf der Briefmarke schreiben wollen, auch wenn dem Briefmarkenentwerfer künstlerische Freiheit zugebilligt werden kann.

a) Die Planetenbahnen sind alle in einer Ebene liegend. Schematisch mag das stimmen, entspricht aber nicht den Tatsachen.

b) Die Abstände der Planetenbahnen zueinander sind gleichmäßig und damit falsch.

c) Die Sonne steht in einem Brennpunkt der Ellipse des Planeten. Hier sind die Ellipsen sehr übertrieben dargestellt. Die Sonne hätte etwas näher zur Mitte stehen können. Das Verhältnis großer zu kleiner Halbachse ist in allen Fällen gleich, d.h. alle Exzentritäten auf der Briefmarke stehen im Widerspruch zum tatsächlichen Planetensystem.

d) Wer die Sonne genauer betrachtet, entdeckt auf der linken Sonnenhälfte einen Schatten. Durch diesen künstlerischen Trick erscheint die Sonne als schöne Kugel und nicht nur als Scheibe, aber in Natura strahlt die Sonne nach allen Seiten gleich stark und darf deshalb keinen Schatten haben.

e) Großzügig geht der Briefmarkenentwerfer auch mit der Beleuchtungssituation auf den Planeten um: Auf einigen Planeten sind Tagundnachtgrenzen erkennbar (Erde und Venus), die aber falsch sind. Die Nachtseiten der Planeten müssen von der Sonne weggerichtet liegen.

f) Die Farben der Planeten hätten an Erfahrungen anknüpfen können. Zum Beispiel wird Mars als der rote Planet bezeichnet und die Erde als blauer Planet.

g) Bei der Größe des Planeten hätte die Erdoberfläche mit Wasser-und Kontinenten versehen sein können. immerhin sind die Radien der Planeten untereinander ungefähr im richtigen Verhältnis. Der Sonnenradius lässt sich nicht maßstabsgerecht darstellen.

h) Keplers Gesetze gelten ebenso für alle Himmelskörper. Warum aber Mars und die anderen Bahnen nicht in die Flächendarstellung integriert werden, ist ein Rätsel. Außerdem sind die Flächeninhalte nicht gleich, der Unterschied ist durch perspektivische Verzerrung nicht zu rechtfertigen.

i) Die Farbe der kosmischen Hintergrundstrahlung ändert sich nicht entlang der Linie der Planeten. Die Reihung der Planeten entlang der Linie zwischen hellem und dunklem Hintergrund ist idealtypisch. Es müssten ja lauter Sonnenfinsternisse entstehen.

j) Wo ist der Erdmond?

k) Der Asteroidengürtel hätte zusätzlich zwischen Mars- und Jupiterbahn eingezeichnet werden müssen.

Insgesamt bewertet wäre es astronomisch interessanter gewesen, wenn der Künstler nicht zu schematisch das Thema bearbeitet hätte. Die Briefmarke fördert kein astronomisches Wissen. Stünde nicht der Text "400 Jahre Keplersche Gesetze" auf der Marke, hätten vermutlich nur wenige Briefmarkenkäufer erfahren, was sie erwerben.

Quelle: Juni 2009 Quiz auf www.wissenschafts-reisen.de

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Astronomische Fehler auf der Kepler-Sonderbriefmarke 1971


Im Jahre 1971 jährte sich der Geburtstag von Johannes Kepler am 27. Dezember 1971 zum 400. Mal. Ihm zu Ehren erschien eine Sonderbriefmarke frühzeitig am 25. Juni 1971, MiNr. 688.
Keplermarke Bund 1971
Die bildliche Darstellung auf der Briefmarke stammt aus dem Kepler Werk "Astronomia Nova Aitiologetus, seu Physica Coelestis tradita commentariis de Motibus Stellae Martis..." (Neue Astronomie ursächlich begründet oder Physik des Himmels, dargestellt in Untersuchungen über die Bewegungen des Sternes Mars...). Gedruckt wurde das Werk bei Vögelin in Heidelberg als Folioband.

Motivlich ist die Erdbahn um die Sonne dargestellt. An ihr erläutert Kepler erstmals seinen Flächensatz (das zweite Keplersche Gesetz):"Daher folgt aus dem obigen: Wie sich die Fläche CDE zu halben Umlaufszeit, die wir mit 180° bezeichnen, verhält, so verhalten sich die Fläche CAG oder CAH zu den Zeiten, die der Planet auf CG oder CH verweilt. So wird also die Fläche CGA ein Maß für die Zeit oder die mittlere Anomalie, die dem exzenterbogen CG entspricht, da die mittlere Anomalie ein Maß für die Zeit ist."

Gegenüber dem Original änderte der Entwerfer der Briefmarke mehr als ein Dutzend Zeichen oder Beschriftungen um, so daß die Markenabbildung nicht der des Buches entspricht.

Kepler hinterließ 15 große, 21 kleinere Bücher und viele Briefe. Der größte Teil des Nachlaß wurde 1773 von Katharina von Rußland gekauft und wird auch heute noch in Leningrad aufbewahrt.

Quelle: Physikalische Blätter, Heft 12 (1971 oder 1972?), Physik-Verlag, Mosbach in Baden.


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